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    <title>86e139a9</title>
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    <item>
      <title>Millenium Magic</title>
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      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wir sind mit allem verbunden.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div&gt;&#xD;
  &lt;img src="https://irp.cdn-website.com/92d701cc/dms3rep/multi/feuerkreis-03f23db5.JPG"/&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das neue Jahrtausend werde ich in der Wüste begrüßen, fernab vom Dröhnen der Stadt mit ihren kräfteraubenden Parties, jenseits der Zivilisation, endlich allein mit mir selbst.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            ﻿
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Begleitet vom eifrigen Geflüster des allgegenwärtigen Windes mache ich mich am Nachmittag auf den Weg.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zwischen spitzfingrigen Kakteengewächsen und duftenden Kräutern wandere ich den schmalen Pfad zu den silbriggrauen Felsformationen hinauf, nicht ohne wie ein staunendes Kind alle paar Schritte stehen zu bleiben, um ein fremdartiges Gewächs, einen bunten Stein oder ein mir unbekanntes Insekt zu bewundern. Aus respektvollen Abstand versteht sich. Zumindest, was die Insekten angeht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Meine Großtante Layla hat mir eingeschärft, ich müsse unter allen Umständen vor Einbruch der Dunkelheit an „meinem Platz“ angekommen sein. Ihre durchdringenden dunklen Augen hatten mich prüfend angesehen, etwa in der Art, wie man ein Stadtkind mustert, dass zum ersten Mal im Begriff ist, seinen trotteligen Fuß in den Dschungel zu setzen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Weißt Du“, begann sie und ihre Stimme gluckste belustigt, „nicht alles, was hier kreucht und fleucht möchte dein bester Freund sein. Und merke dir, nur weil etwas klein ist, heißt es noch lange nicht, dass es ungefährlich ist.“ Sie kaute sinnend auf ihrem ausgefransten Süßholzstengel und fuhr dann fort, „also, hier gibt es Spinnen, schwarze Witwen, wenn Du weißt, was ich meine. Im Allgemeinen sind sie harmlos, da sie ein friedliches Naturell haben und sich lieber davon machen, wenn so ein zweibeiniges Trampeltier kommt. Wenn du allerdings im Dunkeln deinen süßen Hintern auf einer von ihnen platzierst, nun, dann könnte das für Euch beide schlecht ausgehen.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mein ungläubiges Entsetzen stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie lachte ihr tiefes, heiseres Lachen, dass mich jedes Mal an eine listige alte Bärin denken ließ.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Komm schon, mein kleines Häschen, ich zeig Dir, wie Du sie ausfindig machst und im Handumdrehen ist dein Schlafplatz spinnensicher und so gemütlich wie nur irgendwas.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Den Rest des Nachmittags verbrachte ich also damit, einen Crashkurs zum Thema „giftige Tiere in der kalifornischen Wüste im Allgemeinen, und im Speziellen auf Tante Laylas Land“ zu belegen, und mit jedem Quentchen Wissen mehr über die Toxikologie der heimischen Fauna erschien mir mein Vorhaben, die Nacht mutterseelenallein oben auf dem Felsplateau zu verbringen, zunehmend lebensmüde.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Doch Layla lächelte nur ob meiner Bedenken und klopfe mir mit ihrer Bärenpranke beruhigend auf den Oberschenkel.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Ich bin seit 50 Jahren hier draußen, Herzchen“ sagte sie, „und nichts und niemand hat mir hier jemals auch nur ein Häärchen gekrümmt. Da wird ja wohl selbst eine Stadtpflanze wie Du eine einzige Nacht überleben.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wohlweislich unterließ ich es sie zu fragen, wieviele Nächte sie schon draußen in der Wüste geschlafen hatte.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich wurde also den Nachmittag über zu einer möglichst strebsamen Musterschülerin in Bezug auf Giftschlangen, Skorpione und Spinnen, und gerade, als ich begann, mich dank meines neu erworbenen Wissens sicherer zu fühlen, erstickte Layla mein aufkeimendes Selbstbewusstsein im Keim.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Gut, gut, Juniper“, brummelte sie „ Du scheinst ja doch nicht gänzlich aus der Art geschlagen zu sein. Aber jetzt sehen wir uns noch die großen Jungs an, denn die sind auch gerne nachts da oben unterwegs. Weißt Du, dass wir seit ein paar Jahren wieder Berglöwen in der Nachbarschaft haben?“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ja, Layla hatte immer schon ein Händchen für die richtige Prise Dramatik, aber zugleich war ich mir sicher, dass sie mir niemals erlaubt hätte allein auf dem Berg zu übernachten, sollte sie dort eine ernsthafte Gefahr für mich vermuten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Als ich mein kleines Felsplateau erreiche, steht die Sonne schon ziemlich tief. Es ist immer noch mild, hier in der Wüste sinkt die Temperatur selbst in einer Winternacht kaum unter 18 °Grad.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie Tante Layla es mir beigebracht hat, suche ich meinen Platz gründlich nach unerwünschten Gästen ab. Nun, genau genommen ist es umgekehrt, es ist ihr Platz und ich bin der Gast.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Aussicht hier oben ist atemberaubend und fegt die letzten Zweifel mit einem einzigen Windstoß hinweg. Ich sehe sie geradezu die Felswände hinabtorkeln, bis hinunter in die dämmrig schimmernde Ebene, wo sie dann in der Ferne mit den Staubteufeln in der Abendbrise um die Wette tanzen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Hier oben dagegen scheint die Luft sich zu kräuseln, sie führt ein widerspenstiges Eigenleben aus verwirrenden Düften und kleinen, frechen Böen. Gestern hat es geregnet, ein seltenes und willkommenes Ereignis, und ich schmecke noch immer die Frische der regennassen Salbeibüsche.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich lasse mich am Fuße des noch sonnenwarmen Felsens nieder und genieße die unwirkliche Farbenpracht des Sonnenuntergangs über Tante Laylas Land. Ich fühle mich so reich beschenkt, Zeuge dieses grandiosen Schauspiels zu sein, und das lebendige Pochen meines Blutes untermalt die Gesänge der Grillen und verwandelt mich in eine Königin des Augenblicks.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Es gibt keinen schöneren Moment, keinen besseren Ort als diesen, heute, und hier.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das alte Jahrtausend wird sterben und ein neues wird geboren werden, und ich bin eingebettet in das warme Winterlicht der Wüste, allein mit dem geschwätzigen Wind und den großen und kleinen Bewohnern dieses zaubermächtigen Ortes.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich packe Schlafsack und Isomatte aus und kümmere mich um das Feuer.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich halte es klein, aber es knistert fröhlich, und da ich es mit sonnengedörrtem, weiß gebleichtem Wurzelallerlei füttere, duftet es betörend.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schließe die Augen und vertraue mich dem Herzschlag der Wüste an.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Als der Mond allmählich heraufzieht, verwandelt er das Land meiner Großtante in eine schimmernde Zauberwelt. Die Zeit dehnt sich, schlägt Wellen, genauso eigenwillig und unbezähmbar wie der Wüstenwind.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich bin selbstvergessen versunken in das Spiel aus Licht und Schatten, dass die silbrigen Beifußstauden anmutig in den Sand malen, als mich das laute Bersten eines ausgedörrten Astes mit Lichtgeschwindigkeit in meinen Körper zurück katapultiert. Augenblicklich stehen mir sämtliche Haare zu Berge und Adrenalin kribbelt und tobt zwischen Zehen und Kopfhaut. Die Wüste hat meine Reflexe schlagartig aus den Dämmerschlaf geweckt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Angestrengt erforscht mein Blick die fahle Dunkelheit. Die friedliche, silbrige Schönheit versickert im steinigen Untergrund und herauf steigt eine nebelgraue Angst, erhebt sich aus den Schatten wie eine urtümliche Todesgöttin.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein weiteres trockenes Knacken, dann ein tiefes Knurren.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mein Instinkt lässt mich augenblicklich erstarren. Ich werde eins mit der Felswand, dem Boden, dem Wind.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Auf der Höhe meines Herzens löst sich ein schimmerndes Etwas mit einem lautlosen Ziehen, trennt sich behutsam vom Rest meines Körpers,vielleicht ist es meine Seele auf dem Sprung, bereit zur Flucht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Jetzt Rascheln und Knurren, dann ein zufriedenes Schnauben und ein dumpfes Schmatzen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der charakteristisch metallische Geruch von Blut wabert durch die Rauchschwaden des Feuers zu mir hinüber und löst die Erstarrung, so dass mein eigenes Blut augenblicklich und wie in Resonanz wild und in heißen Wellen durch meinen Körper jagt. Mein Blick schärft sich, und als die Wolken den Mond freigeben, offenbart sich mein Gegenüber.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein riesenhafter, genüßlich schmatzender Berglöwe, nur wenige Meter von mir entfernt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Er kauert auf der anderen Seite des Feuers, den grünen Blick nachdenklich auf mich gerichtet und offenbar hat er entgegen aller Vernunft keinerlei Scheu vor mir oder dem Feuer.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ganz im Gegenteil, denn nun schleift er seine bemitleidenswerte Beute noch etwas näher heran und ins Licht, dann lässt er sich wieder anmutig nieder und widmet sich konzentriert seiner Mahlzeit, ohne mich dabei jedoch aus den Augen zu lassen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich verharre immer noch regungslos, doch in den Schock mischt sich jetzt leise Faszination.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Immer noch getrennt in Körper und Seele kann ich das feine, lebendige Pulsieren an deren Grenze wahrnehmen. Mein Atem beruhigt sich in dem Maße, wie mein Geist sich ausdehnt, weit über meinen Körper hinaus, vorsichtig tastend in Richtung der Raubkatze.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Puma auf der anderen Seite des Feuers quittiert das mit einem offenbar zufriedenen Gähnen und leckt sich die Lefzen. Dann ruckt er noch einmal an seiner Beute und ich erkenne, was er so genüsslich verzehrt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
            Der flackernde Schein meines kleinen Feuers bricht sich im weit offenen Auge eines Fohlens.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich warte auf den scharfen Schmerz, den diese Erkenntnis in mir auslösen sollte.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Berglöwe unterbricht sein Mahlzeit abermals und beobachtet mich intensiv, sein klarer, funkelnder Blick brennt sich durch meine Haut, durch mein Fleisch, bis er in meinem Herzen seinen Anker auswirft. Wieder dehnt sich die Zeit, krümmt sich, umschmeichelt mich und verliert sich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich sehe Bilder, Geschichten in Fetzen, Blut, dass aus einem kleinen Schnitt an meinem Handgelenk tropft, sandfarbenes Fell unter meinen Fingern. Ich höre die fremdartig vertraute Sprache meiner Großeltern, ein weicher Singsang direkt an meinem Ohr. Und dann erklingt die Stimme des Berglöwen, tief auf dem Grunde meines Herzens, er spricht in einer Sprache jenseits von Worten, jenseits von Gedanken und Wissen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Was er mir zeigt, lässt sich nur unbeholfen und ungelenk übersetzen, denn seine Sprache ist so viel tiefer und lebendiger als die unsere.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Er erzählt von seiner Liebe zum Duft der Wüste, von seinem Spiel mit dem Wind, von der Freude zu laufen, von der Grazie des schwarzen Fohlens, wie es tanzte, zuerst an der Seite der Stute, dann mit ihm während der kurzen Jagd, er erzählt davon, wie er seine Klauen in das weiche Fleisch grub, wie anmutig die Seele des Fohlens mit dem Wind davon huschte, wie köstlich das Blut schmeckte, er zeigt mir die Schönheit des Lebens, der Jagd und des Todes.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich wandere mit ihm. Ich bin der Puma, ich bin der Wind, die Grillen, die sengende Hitze und der lebensspendende Regen.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich bin das Fohlen, das warme Blut, dass den Boden tränkt, ich bin der Fels und der Sand.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Das Feuer zwischen uns, lesen wir ein jeder in der Seele des Anderen, zeitlos versunken im Augenblick.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Als alles gesagt und gesehen ist, erhebt sich der Puma geschmeidig, den Fohlenkopf zwischen den Zähnen und trottet gelassen in die tanzenden Schatten zurück.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich fühle mich lebendig und verletzlich zugleich, und ja, glücklich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Während der Puma gemächlich davon schreitet, löst sich ein Teil meiner Seele mit einem eigentümlich hellen Klingen und eilt dem Puma in die Schatten hinterher. Zugleich spüre ich, das etwas wildes, fremdartiges das fließende Gewebe meiner Seele berührt und dort seinen Platz einnimmt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Berglöwe und ich, wir sind verbunden, die Wüste hat uns ein Band geknüpft aus Blut, Wind, Sand und Feuer.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Den Rest der Nacht verbringe ich halb wach, halb träumend in der Welt meiner Vorfahren.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Als ich schließlich zurückkehre ins Hier und Jetzt, kriecht die Sonne bereits über die Bergkuppe. Ihre Strahlen fangen sich in den funkelnden Tautropfen eines frisch gewebten Spinnennetzes.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein unordentliches, wirres Gespinst zieht sich vom Ast des Salbeibusches zu meinem linken Wanderstiefel, unverkennbar das Werk einer fleißigen schwarzen Witwe.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schlüpfe aus dem Schlafsack und sorgsam auf den Boden achtend gehe ich barfuß um die Reste meines kleinen Feuers.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Dort muss er gelegen haben. Und da, ja genau da seine Beute, ich erinnere mich an das seltsame Starren des Fohlenauges...aber nein, es sind keine Spuren zu erkennen, nichts, was darauf hindeutet, dass unsere Begegnung real war.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Tränen schießen mir in die Augen, unerwartet schmerzhaft. Mit einem Mal will ich nur noch nach Hause.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Es wird rasch warm, die Wüste erwacht. Behutsam setze ich die kleine schwarze Spinne aus meinem Schuh ins Gebüsch und mache mich auf den Heimweg. Heute kann mich der Zauber der Wüste nicht beeindrucken. Ich traure um meinen Gefährten, um mich, um meine betrogene Seele.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Tante Layla erwartet mich mit Pancakes und starkem Kaffee. Als sie mich umarmt, rümpft sie die Nase. „Du stinkst wie ein wilde Katze“, brummt sie und zieht fragend die buschigen Augenbrauen hoch.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Apropos Katze“, sagt sie dann langsam und fixiert mich mit ihren schwarzen Bärenaugen, „heute Nacht muss ein Puma unterwegs gewesen sein... Und weißt Du, was der Bursche gemacht hat? Anstatt seine Beute zu verschleppen, hat er sie mir in den Garten gelegt. Na ja, genau genommen-“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich renne hinaus, bevor sie ihren Satz beenden kann.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Hinter dem kleinen Steingarten, zwischen den Stauden und nur wenige Meter von meinem Campingbus entfernt, liegt, wie sorgfältig drapiert, der Schädel eines nachtschwarzen Fohlens, in dessen weit aufgerissenem Auge sich das Leuchten der Morgensonne spiegelt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 10 Feb 2023 09:12:14 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Einem Ungeheuer Blumen schenken</title>
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      <description />
      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Den Erinnerungen ins Auge sehen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div&gt;&#xD;
  &lt;img src="https://irp.cdn-website.com/92d701cc/dms3rep/multi/feuer-cc0242a4.png"/&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Du musst den Drachen von der Leine lassen.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Satz hallt lange in ihr nach, wie ein Echo, dass im Wald von einer verborgenen Felswand zurück geworfen wird, immer und immer wieder, bis es in der Dunkelheit verklingt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Gedanke macht ihr Angst.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ihn umzusetzen braucht es mehr als diese eine mutige Entscheidung nach einer durchwachten Nacht am Ufer der Seine, das stetige Glucksen des Wassers unter sich und die tröstende Hand eines Freundes auf ihrer Schulter.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Den Drachen von der Leine lassen“ echot es noch einmal. Seine Ketten lösen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Was wird er tun?
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Seine dunklen, verkrüppelten Schwingen ausbreiten, sie in den Himmel recken, die frische, eisige Luft der Winternacht in seine Lungen strömen lassen, während sich eine Ahnung von Freiheit in ihm breit macht? Sie verschlingen? Sie bestrafen?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           So viel Mühe hat sie darauf verwandt, seine Ketten zu schmieden und ihm ein sicheres Verlies zu erbauen, feuerfest, abgelegen, verborgen unter tiefem Fels inmitten einer stürmischen See, weit ab von ihrem echten Leben.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie ist es möglich, dass er dort unten in den finsteren Verliesen ihres Gedächtnisses all die Jahre überleben konnte, abgemagert zwar und geschwächt, aber dennoch immer mit demselben lebenshungrigen Leuchten in seinen flammendroten Augen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn sie an seine nachtschwarze Schönheit denkt, schmerzt es, und insgeheim hofft sie, er und alles, was dort unten lauert, möge lautlos verschwinden und sie ihr unscheinbares kleines Leben weiterleben lassen, unbehelligt von den Schatten der Vergangenheit.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und gleichzeitig weiß sie, solange sie atmet, wird er es ebenfalls tun, ganz gleich wie ausgehungert er auch sein mag, denn er ist der Hüter.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Also wird sie heute hinuntersteigen in das Drachenverlies, wie sie es dem Freund in jener Nacht versprochen hat, müde von den Tränen und ermutigt von seiner Beharrlichkeit.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie steht am Fenster, beobachtet die Stille der Nacht, den hypnotischen Tanz der herabschwebenden Schneeflocken, dann zieht sie die schweren Vorhänge zu und entzündet die Kerzen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie bilden einen Kreis unruhig flackernder kleiner Flammen, in dessen Mitte sie sich niedersetzt, auf das weiche, rubinfarbene Kissen, den Umhang von derselben Farbe um die Schultern gelegt. Ein einziges Wort in der Alten Sprache, aufsteigend aus den Untiefen ihres Gedächtnisses, laut ausgesprochen und es gibt kein Zurück mehr.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das vertraute Zittern setzt ein, dieses eigenartige Gefühl, wenn sie hinabtaucht, sich ihr ganzes Sein nach innen zu wenden scheint, das Taumeln, der Schwindel, und dann der Sturz ins Bodenlose, das körperlose Schweben, bis sich die Finsternis allmählich ausdünnt, und sie wieder Grund unter den nackten Füßen spürt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Kälte. Scharfkantige Steine oder...Knochensplitter.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein eigentümlich graues Licht, dass von überall zugleich zu kommen scheint, und die Umgebung nur erahnen lässt. Sie atmet die schwefelhaltige, beißende Luft und weiß, er ist ganz in der Nähe.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie greift nach dem filigranen Knochen, den sie wie ein glückbringendes Amulett stets um den Hals trägt. Und wie immer findet sie Trost in seiner glatten, unerschütterlichen Wärme. Sie schüttelt die Übelkeit ab und tastet sich behutsam voran.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            „Es ist wie einem Ungeheuer Blumen schenken,“ hat ihr der Freund gesagt. „Leicht und schwer zugleich.“
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Dort oben, an der Oberfläche, seine warme Hand in der ihren, war ihr das romantisch und großmütig erschienen, aber hier unten, allein in der feindseligen Kälte ihrer Erinnerung erscheint es ihr lächerlich und ja, erschreckend naiv.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein gleißender Feuerstrahl erhellt die steinerne Höhle für einen kurzen Moment.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Natürlich, so heißt er sie willkommen, die Flammen versengen beinah den Saum ihres Umhanges. Im selben Augenblick entzünden sich die mannsgroßen Fackeln, angebracht in gusseisernen Halterungen, und erfüllen die Höhle mit tanzenden Schatten und orangefarbenem Licht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sein wilder Gesang erfüllt schmerzhaft das Innere ihres Schädels, sie presst die Hände auf die Ohren, eine sinnlos Geste des Schutzes. Mühevoll entsinnt sie sich der eigenen Stimme.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Hüter“, singt sie in der Alten Sprache, „es ist an der Zeit. Lange genug hast Du hier unten gewacht, die Türen mit Deinen Flammen versiegelt. Jetzt versiegt meine Kraft, und der Bann wird gebrochen. Du bist frei. DU BIST FREI.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie fällt auf die Knie, spürt unter sich die morschen Knochen bersten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ihre Hand greift nach der Kette, die sie immer trägt, seit sie dieses Ort erschuf.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie löst den Verschluss.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie spürt, dass der Drache sie beobachtet, ahnt das hoffnungsvolle Glitzern in seinen rubinroten Augen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Sie hält den winzigen Knochen der Kette zwischen Daumen und Zeigefinger. Langsam kommt sie auf die Füße, und geht auf die erste in den Fels eingelassene Tür zu, tastet nach dem Schloss.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Knochen, der Schlüssel. Ohne einen Laut zu verursachen, öffnet sie die erste Tür, dann die zweite, die dritte, bis alle Türen beidseits des Korridors offen stehen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Drache beobachtet sie schweigend, abwägend, die Augen schmale Schlitze.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Sie wendet sich ihm zu, sich ihrer Zerbrechlichkeit bewusst werdend ob seiner gigantischen Größe. Zögernd neigt er seinen stachelbesetzten Schädel zu ihr herab. Sie berührt seine kohlschwarzen Schuppen auf der Stirn und für einen Moment schließen die Frau, der Drache die Augen.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Dann tastet sie sich vor, streicht mit der Hand suchend über den warmen Panzer und findet den eisernen Ring um seinen Hals. Polternd fällt der massive Reif zu Boden, zermalmt den Knochenschlüssel unter sich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Beben durchläuft den Felsen, der Untergrund erzittert, der Drache hebt den Kopf und seine Stimme hallt wie Donner von den Wänden wieder. Zugleich drängen die Gefangenen aus ihren Zellen, großäugige, bleiche, ausgehungerte Gespensterwesen mit grotesken Körpern und riesigen, schwankenden Köpfen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Der Drache schweigt, neigt noch einmal seinen mächtigen Kopf zu ihr hinab und berührt zum Abschied sanft ihre Wange. Dann stößt er sich unbeholfen vom Boden ab, fliegt taumelnd und schwankend den Krater empor, wo weit über ihm der Nachthimmel ihn erwartet.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           In Kreisen schraubt er sich höher und höher, mit jedem Flügelschlag etwas von seiner alten Kraft zurück gewinnend, bis er schließlich über den Rand des Kraters in die Freiheit entschwindet.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Erschöpft schließt sie die Augen. Ihr Hüter, er ist fort.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die eigentümlich durchscheinenden Gestalten wenden sich ihr zu, die verdrehten Gliedmaßen ausgestreckt, ihre Münder schwarze Löcher.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie will sich an den Hals greifen, den vertrauten Anhänger umklammern, aber da ist nichts, nur ihre kühle glatte Haut und darunter das Schweigen ihres erstarrten Herzens.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das erste Wesen ergreift gierig seufzend ihre Hand und sie wappnet sich gegen den Schmerz.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Bilder fluten ihr Gehirn, branden wild gegen das Innere ihrer Schädeldecke, als die erste Erinnerung von ihr Besitz ergreift.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Sie selbst ein Kind, die Stimme der Mutter, das Feuer, der Geruch verbrannten Fleisches.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Keuchend sinkt sie zu Boden.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Schon schwebt die nächste Gestalt heran, berührt nebelzart ihren Arm, eine weitere streicht ihr über die Wange, greift nach ihrer Schulter, berührt ihr Haar.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Die Bilder sind klar, scharfkantig und wie Scherben durchdringen sie mühelos die schützenden Schichten ihres Bewusstseins, schneiden tiefer und tiefer, kreuz und quer, erzeugen ein wildes Kaleidoskop aus sorgfältig weggeschlossenen und vergessen geglaubten Erinnerungen, ein wirbelndes, tanzendes Chaos.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Wirbelsturm, der die papierdünne Sicherheit ihrer Realität hinwegfegt, die Illusion der Kontrolle in Fetzen reißt und mit spielerischer Beiläufigkeit die kunstvoll gefertigten Masken, die sie dort oben in der Welt zu tragen pflegt, zu Staub zerfallen lässt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie wird, zerrissen und bloß, ihrer Rüstung beraubt, hier unten bleiben müssen, ihre eigenen Kerker bewohnend.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Bevor ihr Bewusstsein in winzige Splitter zu zerbersten droht, hört sie die sanfte Stimme ihres Freundes. „Was zu dir gehört, kehrt aus freien Stücken zurück“ sagt er und selbst jetzt spürt sie das Lächeln in seiner Stimme, „das liegt in der Natur der Dinge.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Verzweifelt versucht sie sich an den Namen zu erinnern, den wahren Namen, nicht Hüter, nicht Drache, nicht Ungeheuer.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ihre Erinnerungen stieben durcheinander wie Schneeflocken, ein sinnloser Tanz, immer schneller und schneller.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Seinen Name. Sie sucht seinen Namen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            ﻿
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein zierliches grau schimmerndes Mädchen, die Augen schwarze Schatten, berührt sie am Ärmel, sie will es abschütteln, nicht noch eine Erinnerung, nicht noch mehr Schmerz.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das Mädchen reckt ihr eine kleine Hand entgegen, es reicht ihr kaum bis zur Hüfte, und auf seiner schmalen Handfläche erblüht etwas funkelnd rotes, eine Knospe zunächst, die zusehends anschwillt, wächst, sich öffnet, sich verwandelt in eine blutrote Blüte, eine Rosenblüte, inmitten der Schneeflocken, so viel Farbe.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Dem Ungeheuer Blumen schenken.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Dem Ungeheuer Blumen schenken.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ihre Fingerspitzen berühren die Rose, greifen nach ihr, heben sie empor und zugleich ruft sie seinen Namen, dieses eine, wunderschöne Wort in der Alten Sprache.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           FREUND.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Überall Scherben, Spiegelscherben und Staub und Blütenblätter und Schneeflocken und der Klang der Erinnerungen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Dann Flügelrauschen. Schwarze Schwingen, direkt über ihr. Klauen, die ihre Oberarme umfassen, sie emporheben, Haare, ihre eigenen, die ihr ins Gesicht peitschen, die klare, eisige Nachtluft, die Sterne über ihr, das Rauschen des Meeres tief unten und der Klang einer Bronzeglocke in ihr, als der Drache seine Stimme erhebt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Seine Stimme in ihrem Kopf, doch dieses Mal sanft und warm, nicht mehr glühend, verletzend.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Schmerz ebbt ab, in leisen Wellen. Schnitte, die verheilen und winzige, schneeweiße Narben hinterlassen. Scherben, die sich zu einem neuen Ganzen zusammen fügen, die Bruchstellen wie goldene Adern.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Sie sind alle zu dir zurückgekehrt“ singt er, „ und jetzt- bist DU frei.“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sein Gesang ist pure Freude und sie stimmt ein, leise zunächst, dann kraftvoller, ihre Stimmen, ineinander verwoben, ein Teppich aus Schmerz und Schönheit und Leben und Tod.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sie erwacht im Kreis der heruntergebrannten Kerzen. Sie ist alleine mit der Stille der winterlichen Nacht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein tiefer Atemzug hebt ihre Brust. Und noch einer. Einatmen. Ausatmen. Der Rhythmus des Lebens.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Noch erschöpft zieht sie den blutroten Umhang enger um sich, und da bemerkt sie es.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Klopfen, Pochen, ein Vogel in ihrer Brust, ein winziger Drache, mit den Flügel schlagend, bebend, sich dem Leben entgegen reckend, ein rubinrotes, lebendiges, waches Herz anstelle der schwarzen Leere der verbannten Erinnerungen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 13 Jan 2023 16:42:45 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Addicted to….</title>
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      <description />
      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Social Media? Krasser Trip.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div&gt;&#xD;
  &lt;img src="https://irp.cdn-website.com/92d701cc/dms3rep/multi/IMG_20230101_093506-37845a51.jpg"/&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Heute habe ich es wieder nicht geschafft. Wieder hab ich mein Versprechen gebrochen. Mir selbst gegenüber. Wieder so viel verlorene Zeit, verpufft im virtuellen Nirvana…
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Minuten, ja, manchmal Stunden, die verschwunden sind, und nichts als ein schales Gefühl von Leere mit einem Hauch von süßlichem Parfüm in mir hinterlassen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Aber: meine gute Absicht war es, die mich hierher geführt hat.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Es ist an der Zeit sichtbar zu werden, hat sie gesagt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Du brauchst eine Plattform, hat sie gesagt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie sollen Dich die Menschen denn finden? Du machst gute Arbeit, aber ohne das Netz findet Dich keiner, hat sie gesagt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ja, stichhaltige Argumente. Ich hab das auch direkt eingesehen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Also hab ich mich in Social Media gestürzt wie andere in einem New York Trip. Ich hab gelesen, verfolgt, gelikt, kommentiert und gesurft bis tief in die Nacht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich hab analysiert, gelernt, gestaunt und nachgemacht. Ich hab gezoomt. Gemeetet was das Zeug hält. Ich hab Onlinekurse besucht und mir wieder einen FB Account zugelegt. Insta, klar.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das war wie ein Spielzeugladen, oder besser, wie Late Night Shopping im Pferdeoutlet, all die bunten Deckchen und Halfter und Bücher und Sättel, Schabracken….
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Kurz, es war ein Rausch. Und wie es ein Rausch so an sich hat, er hinterlässt einen Kater. Und ein Zeitloch.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Unter dem Deckmantel der Guten Absicht (MARKETING!!) bin ich allmählich in das abgerutscht, was ich so sehr hasse, wenn meine Kids es tun: Ich hab mich in der virtuellen Welt verloren. Die Zeit, die ich dort verbringe, ist für meine Gefährten in der echten tatsächlich genau das: verloren.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zeit, die ich nicht mit besagten Kids, meinem Liebsten, Freunden oder den Pferden verbringe. Vielleicht sind wir physisch in einem Raum, aber Nähe ist das keine. Jeder lost in seinem Universum aus Nullen und Einsen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Meine Leidenschaft, mein Call, das ist Kommunikation! Und klar, die funktioniert auch in der virtuellen Welt, was es für mich doppelt reizvoll macht, dorthin abzutauchen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Aber – um welchen Preis?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Jetzt, nach ein paar Monaten, in denen ich nach jahrelanger überzeugter Social Media Abstinenz, wirklich viel Zeit im Universum der Likes und Comments verbracht habe, ist mir klar: das ist auf Dauer nix für mein Gehirn. Dopamin ist ein geiles Zeug, ja. Es ist das ultimative Leckerli. So gesehen clickere ich zwar meine Pferd nicht, aber dafür mich selbst….
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Däumchen und Herzchen, das sind meine Kekse. Yummie. Dummes Steinzeitgehirn!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Also lese ich jetzt (im Netz, wo sonst) alles mögliche über Social Media Sucht, über Dopamin, über Abhängigkeiten. Oh, auf fb gibt es Selbsthilfegruppen. Yeah. Du merkst schon. Gute Absicht und so….
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sucht mit dem Suchtmittel kurieren? Selbst in meinem dopaminbenebeltem Zustand erscheint mir das nicht wirklich sinnvoll.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           So what? I am fucking distracted….
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Serien auf Netflix, Likes auf fb, Kommentare, die meinem kleinen gefrässigen inneren Keksjunkie schmeicheln.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Also – kein Marketing mehr für mich über diese Medien? Wie sollen dann all die tollen realen Klienten den Weg zu mir finden?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich buche ein Coaching. In mir drin sitzen wir alle um einen runden Tisch – King Arthur und so.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der dopaminverseuchte Facebookjunkie hat sich die schwarze Kapuze übers blasse Gesicht gezogen, nur ein paar lila gefärbte Haarspitzen lugen darunter hervor. Ich wette, sie hat die Kopfhörer noch auf. Da hinten, die Hände adrett gefaltet und tadellos gekleidet, die Suchtbeauftragte, die heute ihren Vortrag vor versammelter Mannschaft halten möchte. Und hier, die verwirrte Coachin, die doch nur ihr wertebasiertes Marketing sichtbar machen wollte und sich ansonsten lieber in der realen Welt mit realen Menschen beschäftigt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die besorgte Mama,die nervös auf den Tisch trommelt und nur zuhört, weil sie sich Tipps für die Kinder erhofft.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und der Beobachter, wie immer in schwarz und mit Sonnenbrille. Stopp. Hey, schicker Ledermantel, Matrixstyle. Der ist neu.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Pferdefrau im Winterschlaf schnarcht verhalten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Suchtbeauftragt erzählt von ihren Recherchen. Quelle: das Netz. Verhaltenes Kichern vom Junkiemädel. Die hört was? Cool.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Als die Dopaminexpertin ihren Vortrag beendet hat, schweigen alle. Gelangweilt, betreten, nervös.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und was wird aus meinem Marketing? Die Coachin sieht etwas blass um die Nase aus.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie kann ich den Kindern da raus helfen? Die Mama klingt müde. Der Beobachter schreibt- auf einem iPad. Eh klar. Ich vermute ja, er checkt heimlich seine Likes auf insta.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Pferdefrau hat ungeniert ihren Kopf auf die Tischplatte sinken lassen und schmatzt im Schlaf.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Suchtbeauftragte sieht uns der Reihe nach streng an.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Entzug sagt sie, und ihre Stimme ist Stahl. Schluß mit dem Nebel hier drin.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Coachin seufzt. Aber ich möchte das bitte erst mal verstehen, wirft sie ein.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Mama findet Entzug super, aber bitte sanft. Der Beobachter hat glücklich glasige Augen. What the hell liest der da?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das Junkiemädel wippt im Takt mit den Füßen, und glotzt grenzdebil auf ihr Handy.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Pferdefrau hat sich mittlerweile unter dem Tisch zusammengerollt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           So geht doch kein Coaching, was seid ihr denn für Anfänger!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein lautes Klappern lässt alle zusammen fahren, es kracht poltert, knirscht…
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           wie kann es in mir drin so laut sein?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Wand zerbirst. Licht fällt in den Raum. Gleißendes, helles Sonnenlicht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Irgendetwas hat ein riesiges Loch in meinen inneren Konferenzraum gerissen, verdammt!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Oder sollte ich besser sagen, getreten? Da draußen im Sonnenschein, auf einer knallbunten Wiese steht ein Pferd. Ein riesenhaftes, fuchsrotes Pferd. Ein beänsgtigend, fuchsrotes, leuchtendes Pferd, wie aus Flammen gemacht. Seine Hufe sind kohlschwarz und es schickt sich an, ein weiteres Loch in die Wand zu treten. Die Konferenzteilnehmer sind aufgesprungen. Die Coachin tritt die schnarchende Pferdefrau unsanft. Pferd! schreit sie so laut sie kann.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Pferdfrau springt schlagartig und erstaunlich behende auf die Füße.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das Pferd dreht sich jetzt herum, aus seinen Nüstern schlagen Flammen und seine Augen sind glühende Kohlen. Es schnaubt ungeduldig und scharrt in den Trümmern der Wand. Oh mein Gott. Es wird alles kaputt machen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das Junkiemädel filmt mit dem Handy. Die Mama hat einen Stuhl abwehrend gepackt. Der Beobachter hat sich auf einen sicheren Beobachtungsposten in der hinterletzten Ecke zurückgezogen. Sein Mund steht unvorteilhaft offen. Die Suchbeauftragte droht dem Pferd mit einer Flasche Fliegenspray. Die Coachin lächelt versonnen und schickt sich an, nach draußen zu klettern.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Pferdefrau, jetzt ganz da, geht mit leuchtenden Augen auf das Pferd zu. Ich kann sehen, wie sie anfängt zu strahlen, sie scheint zu wachsen, wird eine Königin, ein gekröntes Farbenspiel aus Feuer und Licht und…sie berührt das Flammenpferd.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Raum implodiert. In mir wird es dunkel. Universumsdunkel. Rabendunkel. Geburtsdunkel.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Meine Anteile sind fort. Ich bin mit mir allein in der Dunkelheit. Als ich meine Hand austrecke, berühe ich etwas samtig weiches, zartes…ein leises Schnauben dicht an meinem Ohr. Eine Pferdenase ist mit mir in der Dunkelheit! Mit der Erkenntnis kehrt das Licht zurück.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Allmählich kann ich die Umrisse des Pferdes erkennen. Halte Dich an mich, höre ich klar und deutlich. Halte dich einfach fest. Fell, Mähne, Wärme. Hufe. Augen. Zähne. Licht. Sonne. Sand. Pferdemist.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schlinge meine Finger in die lange fuchsrote Mähne und halte fest. Die Strähnen schneiden in meine Hand, als mich das Pferd mitzieht. Erst spüre ich meine Füße nicht. Aber dann höre ich seine Hufe, und der Klang der Bewegung gibt mir Kraft. Meine Füße beginnen sich im Gleichtakt zu bewegen und wir laufen. Wir laufen! Ich kann laufen!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Immer schneller, bis wir galoppieren, und ich fühle mich lebendig, so lebendig!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Kilometer später bleibt das Pferd stehen, und dreht sich aprupt nach mir um. Raus jetzt, sagt es mit dieser Universumsfeuerstimme. Raus jetzt und ab in den Stall!!
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich bin zurück. Unsanft ausgespien aus meinem Innern. Finde mich vor dem Rechner wieder. Sehe meinen Händen zu, wie sie die Worte tippen. Shift. Das sagt ja jetzt jeder so trendy.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Und dann gab es einen Shift“.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mindshift.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mein shift – Horseshift.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich werde jetzt aufhören zu schreiben. Ich werde jetzt meine Medizin nehmen, die gegen alles Übel hilft, und offenbar auch gegen Social Media fucking Dopaminsucht.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich werde jetzt raus gehen, in den Schnee, im Dunkeln, und mir 10 reale Minuten bei meinen Pferden gönnen. Ich werde meine Nase hinter Alis Ohr in sein Fell stecken und den wunderbarsten Duft der Welt einatmen, ich werde mit Jamie etwas Heu teilen und Farah die Decke zurecht ziehen, ich werde Thorin erlauben, meine Hand abzuschlecken und mich über Sissis freundliches Begrüßungsgrummeln freuen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            ﻿
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           I am addicted. Ja. Und first and forever- to horses.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 12 Mar 2022 16:48:38 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>Von Pferden und Menschen</title>
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      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Es ist Vollmond. Der Blizzard hat Kurs auf den Vogelsberg genommen...
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div&gt;&#xD;
  &lt;img src="https://irp.cdn-website.com/92d701cc/dms3rep/multi/alischnee1-d4523a78.jpg"/&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Es ist Vollmond. Egon, der Blizzard hat Kurs auf den Vogelsberg genommen, angeblich hat er beeindruckende Schneemassen und Orkanböen im Gepäck. Aber noch ist es ruhig draußen.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Auf dem Holderhof, drinnen im Haus, ist endlich Abendstille eingekehrt, die Kinder schlafen, der Hund schnarcht, die Pferde sind versorgt. Ich könnte also entspannen.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Aber etwas treibt mich um.Ich hab ein solche Unruhe in mir, dass ich unmöglich still sitzen kann.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Nervös zappel ich zwischen alten Liedern hin und her: Life of Agony, Depeche Mode, Tori Amos, Massive Attack….Pumpkins? Nichts passt.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Etwas zieht und zerrt an mir. Rumort. Piesackt mich. Ich will es loswerden, will es in Worte packen, es ausspucken, erledigen, in den Äther schicken.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Mein Kopf produziert platte Phrasen, farbloses Gewäsch, angepasstes BlaBla.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Nichts davon ist hat auch nur annähernd mit dem zu tun, was ich sagen will.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Aber um was geht es?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Also gut. Ich glaube, es geht um Pferde. Genauer gesagt geht es um eines meiner Pferde.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Und es geht um Menschen. Genauer gesagt, in diesem speziellen Fall um mich.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Ja, das Pferd ist schuld, dass ich meine kostbare Schlafenszeit vergeude, rastlos durch das Haus wandere, und auf den Blizzard warte, mitten in der Nacht.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
      
            Gestern morgen hat es angefangen. Als der Sturm sich zum ersten Mal vorsichtig ankündigte…
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Inmitten wirbelnder Schneeflocken stehe ich zum ersten Mal seit vielen Monaten auf dem Reitplatz. Es stürmt beinahe, aber ich bewege mich nicht. Ich stehe nur da und atme, in aller Ruhe. Kalte, klare Luft. Winterfrische, die wach macht.
            &#xD;
        &lt;br/&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich weiß, sobald ich mich bewege, ist dieses gute Gefühl vorbei. Dann schmerzt mein verletzter Fuß, und seit gestern macht mir meine Hüfte heftig zu schaffen. Wie soll ich dann aber mit meinem Pferd arbeiten, so unbeweglich und ungeschickt? Wie soll die Freiarbeit mit Ali funktionieren, wenn ich mich bewege wie eine Achtzigjährige? Vielleicht hätte ich besser noch warten sollen. Bis die Schmerzen weg sind. Der Schnee geschmolzen ist. Und es nicht so stürmt…                 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Mein Pferd beobachtet mich. Besser gesagt, Ali starrt mich unverwandt an, während ich meine Überlegungen hin und her wälze. Seine Ohren gespitzt, die Nüstern weit, ist er ganz bei mir. Ungewöhnlich für ihn, der normalerweise überall ist mit seiner Aufmerksamkeit, übersensibel und mißtrauisch, immer mit einem pferdefressenden Monster rechnend, vor allem, wenn es windet.
            &#xD;
        &lt;br/&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich erwidere seinen Blick, und seltsamerweise kommt es mir vor, als sähe ich ihn nach langer Zeit zum ersten Mal. Er scheint viel wirklicher, viel fester, viel präsenter zu sein. Als seien seine Umriss schärfer, seine Farben lebendiger geworden. Mir fallen die einzelnen schwarzen Haare in seiner sonst blonden Mähne auf, was ihn aussehen lässt, als hätte er distinguiert ergraute Strähnchen. Und sein langer Kopf mit der grauen Tapirnase. Der Winterplüsch, unter dem so viel explosive Kraft steckt.
            &#xD;
        &lt;br/&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Wind nimmt zu. Üblicherweise kann es Ali kaum erwarten, buckelnd und quietschend mit dem Wind um die Wette zu toben, und seine Geduld, bis ich ihm das in der Freiarbeit erlaube, hält sich normalerweise in Grenzen. Und jetzt? Steht er immer noch da, und sieht mich an, atmet gelassen ein und aus. Und strahlt eine für ihn so untypischen Sanftmut aus, dass es mich unvermittelt bis ins Mark trifft.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           In Gedanken hatte ich ihn und die anderen beiden in den letzten Monaten schon tausendmal verkauft. In Gedanken wollte ich nie mehr mit Pferden arbeiten. Keine Reittherapeuthin mehr sein. Kein einziges Pferd mehr ausbilden. Keine Schüler mehr haben. Nicht mal mehr reiten. Am liebsten das Kapitel „Pferde“ gänzlich aus meinem Leben streichen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und jetzt wischt Ali all diese zornigen, bitteren, vermeintlichen Entschlüsse mit einem weichen Wimpernschlag und einem sanften Senken seines Kopfes achtlos beiseite. Er sagt: „Ich bin Hier. Und Du bist hier. Worauf wartest Du noch?“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich richte mich auf, nur ein wenig, ein winziger Fingerzeig und Ali setzt sich in Bewegung, ganz gelassen und ohne Hektik. Der Schnee stiebt von der eingeschneiten Schwitzhütte auf den Reitplatz, hüllt Ali für einen Moment in eine Wolke aus funkelndem Sternenstaub.
            &#xD;
        &lt;br/&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der Sturm nimmt allmählich Fahrt auf, zaust und rüttelt an den Bäumen, aber mir scheint, als seien Ali und ich in eine behutsame Stille gehüllt, in der es nur uns beide gibt und das Schlagen unserer Herzen. Meine Gesten sind so klein, meine Füße bewegen sich so wenig, dass mir nichts wehtut. Ali scheint durch das Schneegestöber zu schweben. Antraben, Handwechsel, Übergänge. Stehen bleiben, rückwärts richten. Alles gelingt mühelos, es ist wie ein Tanz, ein Spiel.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und ich kann nicht anders, die kindliche, wohlvertraute Begeisterung für diese Geschöpfe packt mich abermals mit Haut uns Haaren, und schon bin ich ihrer Schönheit verfallen, kann wieder spüren, was mich all die Jahre dazu gebracht hat, mit ihnen leben und arbeiten zu wollen und ihnen soviel Zeit und Geld und Kraft zu widmen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Diese wenigen, kostbaren Minuten im Schneesturm mit meinem sonst so mißtrauischen und schreckhaftem Pferd erschüttern meine Welt, wieder einmal.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Als unser Tanz zuende ist, meine Füße eisig, die Lippen taub, wendet sich Ali mir zu und wir stehen noch einen Moment beisammen, bis mich die peitschenden Schneeflocken vertreiben. Ich bedanke mich bei ihm, und als ins Haus gehe merke ich, dass ich kaum noch Schmerzen habe.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Damit also hat sie angefangen, diese Unruhe, dieses Gefühl der Rastlosigkeit, das mir heute nacht den Schlaf raubt. Und allmählich, während ich aus dem Fenster blicke, und mich in den taumelnden Schneeflocken verliere, ahne ich, was mich umtreibt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ali hat mir an diesem Morgen eine Frage gestellt. In seinem konzentrierten, unverwandtem Blick lag eine Frage und jetzt, während ich in dieser Vollmondnacht auf Egon, den Blizzard warte, nimmt sie allmählich Gestalt an. Ich sehe Alis dunkle, große Augen wieder, sehe mich ihm gegenüber, vor unserem Tanz, müde, zweifelnd. Und er sagt: „Traust Du Dich? Wagst Du den nächsten Schritt, ohne Deine Masken? Bist Du bereit für die nächste Lektion?“
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das seltsam grausilberne Licht dieser Vollmondnacht scheint durch das Fenster hereinzudringen und unser Wohnzimmer zu fluten. Es ist unglaublich still, Egon lässt sich Zeit.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich sinne nach, über Ali. Ich weiß, er ist ein kompromissloser Lehrer und trotz der drei gemeinsamen Jahre hab ich mich bisher ganz gut vor seinen Lektionen versteckt, hab andere gelehrt, mit anderen Pferden gearbeitet, bin ihm aus dem Weg gegangen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Aber vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Vielleicht hab ich jetzt den Mut. Und den brauche ich, denn die Lektion, die Ali lehrt, ist schwierig für mich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Er fragt: Bist Du bereit zu vertrauen?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
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      <pubDate>Fri, 14 Jan 2022 16:47:17 GMT</pubDate>
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